Mythen und Vorurteile

(1) In der Psychiatrie sind nur Irre und Verrückte.

In der Psychiatrie sind ganz „normale“ Kinder und Jugendliche, die psychische Probleme haben (z.B. fühlen sie sich zu dick, obwohl sie viel zu dünn sind; sie sind seit einiger Zeit traurig und haben keine Freude mehr; sie können mit ihrer Wut nicht umgehen und haben auch schon andere verletzt). Es gibt auch Kinder und Jugendliche, die eine Erkrankung haben, bei denen sie die Realität falsch wahrnehmen oder Dinge sehen, die gar nicht da sind. Doch auch dies ist eine Erkrankung, welche wir behandeln können, denn die Kinder leiden darunter und haben Angst.

(2) In der Psychiatrie wird man mit Medikamenten ruhig gestellt.

In Absprache mit den Eltern und den Patienten kann es manchmal sinnvoll sein, auch Medikamente unterstützend einzusetzen, um z.B. die Stimmung zu verbessern und zu stabilisieren oder die Konzentration zu verbessern. Nur im Ausnahmefall geben wir in Krisensituationen Medikamente gegen den Willen der Kinder.

(3) In der Psychiatrie wird man eingesperrt und gegen seinen Willen festgehalten.

Therapie kann nur erfolgen, wenn ein Patient bzw. seine Eltern damit einverstanden sind, aus diesem Grund sind die meisten unserer Angebote auch freiwillig. Auf unserer geschlossenen Krisenstation werden alle Patienten im Rahmen des Bereitschaftsdienstes, zum Beispiel am Wochenende und in der Nacht sowie Kinder und Jugendliche  aufgenommen, die sich selbst oder andere gefährden, bei denen also eine akute Krisensituation vorliegt. Es wird dann mit den Patienten und den Eltern gemeinsam entschieden, ob sie freiwillig bei uns bleiben. Für jeden Patienten werden individuell Regelungen, den Ausgang und die Besuchszeit betreffend, vereinbart. Manchmal können Kinder nicht mehr selbst einschätzen, dass sie krank sind und Hilfe brauchen, dann können sie auch für eine bestimmte Zeit mit Einwilligung der Eltern gegen ihren Willen bei uns sein.

(4) Wer einmal in der Psychiatrie ist, kommt nie wieder raus.

Es wird gemeinsam mit den Kindern und den Eltern festgelegt wie lange die Kinder in unserer Behandlung bleiben.  Die Aufenthaltsdauer ist abhängig davon, wie gut es dem Kind geht und wie gut es seinen Alltag zu Hause meistern kann.

(5) In der Psychiatrie gibt es nur gepolsterte Räume und man muss Zwangsjacken tragen.

Zwangsjacken gibt es in unserer Klinik gar nicht. Es gibt einen Time-Out-Raum, den Kinder und Jugendliche für eine „Auszeit“ nutzen können, um sich wieder zu beruhigen, ohne andere zu verletzen, wenn ihre Wut und Aggressivität zu groß wird. 

(6) In der Psychiatrie lebt man zusammen mit kriminellen Schwerverbrechern.

Siehe Punkt (1). Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist kein Gefängnis. Kinder, die in unsere Klinik kommen, wollen Hilfe und sind keine Verbrecher.

(7) Die Psychiatrie ist kalt und steril.

Wir hoffen, dass wir mit unseren Fotos dies entkräften konnten. Ihr könnt gern Fotos, ein Lieblingskuscheltier, Bücher oder andere Dinge mitbringen, um euer Zimmer persönlicher zu gestalten. Natürlich bleibt unsere Klinik ein Krankenhaus, aber wir versuchen, es Euch so angenehm wie möglich zu gestalten.

(8) Das Personal in der Psychiatrie ist bösartig und unfreundlich.

Schwestern und Pfleger sind bemüht, Euch zu helfen, den stationären Alltag in der Klinik zu meistern und stehen Euch bei jeder aufkommenden Frage oder Problemen jederzeit hilfreich zur Seite.

(9) In der Psychiatrie ist man einsam und allein und darf keinen Besuch empfangen.

Du kannst deine Familie in der Woche am Besuchstag und am Wochenende sehen. Zusätzlich gibt es Familiengespräche, außerdem kann dich deine Familie abends auf Station anrufen.  An den Wochenenden ist je nach Verlauf eine Beurlaubung von Samstagfrüh bis Sonntagabend nach Hause möglich.

(10) Wenn man in der Psychiatrie ist, verpasst man das Leben „draußen“.

Unser gemeinsames Ziel ist, dass Ihr das Leben draußen wieder in vollen Zügen genießen könnt – ohne schwere seelische Belastung, die die Lebensqualität mindert.

(11) Die Psychiatrie liegt weit außerhalb, ausgegrenzt von der Stadt 

Unsere Klinik befindet sich in Johannstadt in der Nähe der Elbe und des Waldparks und ist gut mit Bus und Straßenbahn erreichbar.

(12) In der Psychiatrie werden gefährliche Experimente mit den Patienten durchgeführt.

Wir führen keine Untersuchungen ohne euer Wissen durch. Zu Beginn der Behandlung nehmen wir Blut ab, kontrollieren euer Herz mittels EKG und eure Gehirnströme mit einem EEG. 

(13) Wenn man einmal in der Psychiatrie war, wird man im richtigen Leben nicht mehr akzeptiert 

Wir helfen euch dabei, euch wieder gut in euer normales Leben einzufinden und überlegen gemeinsam, was ihr in eurer Klasse, den längeren Krankenhausaufenthalt betreffend, sagen könntet bzw. wollt.

(14) Eltern, die ihre Kinder in die Psychiatrie geben müssen, haben versagt.

Ganz im Gegenteil – weil Eltern ihre Kinder am Herzen liegen und sie sich verantwortlich fühlen, nehmen sie Hilfsangebote an, um gemeinsam mit der Familie konstruktiv auftretende Schwierigkeiten und Herausforderungen in den Griff zu bekommen. Es ist als Stärke anzusehen, sich gemeinsam mit den Eltern oder Sorgeberechtigten durch einen stationären Aufenthalt Hilfe zu suchen, um gemeinsam mit den belastenden Problemen klarzukommen.